Dienstag, 15. April 2008

Zitruspresse - alte Liebe, neues Glück?


Zitruspresse von J.A. Hurley, 1887 Zitrusfrüchte sind hierorts Grundnahrungsmittel, und die Zitruspresse zählt daher zu den wichtigsten kleinen Küchenhelfern. Aber irgendwie hab ich kein Glück mit den Dingern: Entweder halten sie nicht besonders lange, sondern zerbrechen, zerbeulen oder kriegen Sprünge. Oder sie müssen bald entsorgt werden, weil sie wenig bis gar nix taugen – Presskegel zu groß, zu klein, zu spitz, zu stumpf, irgendwas klappert, wackelt, passt nicht aufeinander, übereinander, oder zusammen, tropft, tropft nicht oder an den falschen Stellen, weil die Abtropflöcher zu groß, zu klein oder nicht vorhanden sind … Man möchte kaum glauben, wie viele Varianten von teilweiser bis völliger Fehlkonstruktion bei so etwas Simplem wie einer Zitruspresse möglich sind. Man möchte das umso weniger glauben, wenn man bedenkt, bei wie vielen Modellen ein Patentamt als prüfende Instanz zwischengeschaltet ist: 300 (US-)Patente für Zitruspressen zählt Onkel Wiki, die meisten davon allerdings um die vorige Jahrhundertwende angemeldet, das älteste stammt aus dem Jahr 1860.

Letzte Woche wars wieder mal so weit, das aktuelle Helferlein zerbrach. Es war Samstagabend, schnelle Ersatzbeschaffung nicht möglich. Da entsann ich mich, dass im Lieferumfang meiner Küchenmaschine eine Zitruspresse enthalten gewesen war, die ich aber nie verwendet habe: Weil ich elektrische Zitruspressen für den Hausgebrauch durch Menschen mit zwei gesunden Händen etwas übertrieben finde. Ganz ohne Hilfsmittel gehts aber nicht – ja, es gibt Leute, die Zitronen auch mit der schieren Kraft ihrer Hände auspressen, vermutlich dieselben, die auch rohe Kartoffeln zerquetschen können. Ich kann das nicht. Also beschloss ich, lieber Strom zu verschwenden als ohne Zitronensaft dazustehen, und kramte das jungfräuliche Bosch-Zubehörteil aus dem Schrank.

Ich liebe meine MUM. Sie ist robust, wenn nicht gar unverwüstlich, und das Zubehör funktionell und durchdacht. Ausgenommen die Zitruspresse. Die erwies sich schnell als der Kategorie "taugt nix" zugehörig. Und tröstete ich mich zunächst noch mit dem Gedanken, dass das gute Stück schon 15 Jahre auf dem Buckel hat und es inzwischen gewiss ein weiterentwickeltes und viel besseres Nachfolgemodell gäbe, das ich auch sofort zu bestellen gedachte, so wurde ich prompt eines Besseren Schlechteren belehrt: Die aktuell angebotene MUM-Zitruspresse unterscheidet sich genau gar nicht von meinem Uraltmodell. Nach wie vor gehört kein Halter für die Fruchthälften dazu, die man daher mit der Hand auf den sich schnell drehenden Kegel pressen muss. Von wegen kein Kraftaufwand, wie Onkel Wiki meint: Drückt man die Fruchthälfte nicht fest genug auf den Kegel, tanzt die halbe Zitrone auf der Kegelspitze wie ein Elflein auf der Nähnadel. Die Hand, beizeiten von Saft benetzt (gibt es Menschen, die Zitrusfrüchte halbieren und auspressen können, ohne zu kleckern?), rutscht von der gerade zu pressenden Fruchthälfte ab. Die halbe Zitrone, vom rotierenden Presskegel in Schwung versetzt, fliegt sonstwohin, gleichzeitig umfasst die Hand im reflexhaften Versuch, sie festzuhalten, mit festem Griff den nunmehr nackten Kegel, der sich immer noch hurtig dreht und ziemlich scharfkantige Rippen hat. Autsch!

Hamilton Beach 932 Während ich, meine Wunden leckend, betrübt die geringe Saftausbeute betrachtete, fiel mir ein, dass ganz hinten in der Abstellkammer eine weitere Zitruspresse ein unbeachetetes Dasein fristet. Dies einerseits völlig zu Unrecht, denn es handelt sich nicht um irgendeine, sondern zweifellos um die beste jemals konstruierte manuelle Zitruspresse. Eine Hebelfruchtpresse mit Zahnstangenübersetzung und satten 5 kg Eigengewicht, die mit enormem Druck wirklich auch das allerletzte Tröpfchen Saft aus der Frucht presst: die Hamilton Beach 932, erstmals 1928 zum Patent angemeldet, seither ein wenig modifiziert, aber im Großen und Ganzen unverändert geblieben. Ein Prachtstück auch fürs Auge (das Design, 1939 patentiert, kann eigentlich nicht verbessert werden) - und kontere jetzt niemand mit Alessi: Dieses spinnenbeinige Ding ist ein nettes Designstückchen, aber im harten Alltagseinsatz völlig unbrauchbar.

Hamilton Beach 932 Die Größe, in der die Kraft der Hamilton Beach 932 liegt, ist gleichzeitig aber der Wermutstropfen, der für die Verbannung dieses Schätzchens in die Abstellkammer gesorgt hatte: Die nötigen 18x23 cm Stellfläche wären ja noch irgendwie freizuräumen, aber mit einem halben Meter Höhe ist diese Zitruspresse keine, die man mal eben in ein freies Schrank- oder Regalfach schiebt – von einer Schublade gar nicht zu reden. :-)

Nun grüble ich: Soll ich die Küche umräumen und den ständigen Maschinenpark neu sortieren, um der Hamilton Beach einen fixen Platz in meiner Küche zuweisen zu können? Oder doch eine neue kleine schubladentaugliche Zitruspresse erwerben, die - gefühlt - achtundneunzigste bisher? Erfahrungsberichte anderer FoodbloggerInnen wären vielleicht eine Entscheidungshilfe: Zeigt doch mal eure Zitruspressen!


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19 Kommentar(e):

Balu meint:

http://www.kenwoodworld.com/de/product_detail.php?cat=392&id=557

Das ist ein Zubehörteil für meine schicke Kenwood Küchenmaschine: 600 ml Auffangbehälter, variable Geschwindigkeit, Edelstahlsieb.

Und das Monstrum von Maschine steht sowieso in meiner viel zu kleinen Küche (neben mir passt keine zweite Person zu den zwei Herdplatten, der Spüle, dem kleinen Kühlschrank und der Maschine)...

Barbara meint:

Welche Frage: Der gehört ein fester Platz in der Küche.

Und wir freuen uns auf weitere zitronige Rezepte! :-)

bolli meint:

sieht ja aus wie eine Bombe.....


Ich habe nur so ein Teil aus Glas, das reicht vollkommen....

Anonym meint:

Ich bin für die Hamilton!
Hätt ich eine wäre die garantiert in der Küche oder gar an einem anderen besser einzusehenden Ort;-)
Ich selber hab ein kleines Plastikding, das reicht für ein bis zwei Früchte, und eine elektrische , keine Ahnung welche Firma, die ist aber praktisch und unverwüstlich.
Dein Fan

Nysa meint:

hola die waldfee nee... citruspressfee! das ist ja mal ein teil. und ja: es sollte einen angemessenen platz haben! lg

kulinaria katastrophalia meint:

Das "alte" Problem :D In der Not (also meistens) ist die Gabelherumdrückmethode überaus akzeptabel.

Klaus-Peter Baumgardt meint:

Ich hätte da noch etwas relativ einfaches...

Hedonistin meint:

@Balu & Klaus-Peter - Muss man bei allen elektrischen Zitruspressen die Frucht mit der bloßen Hand halten? Dann nehm ich mein "taugt nix"-Urteil bezüglich Bosch zurück und korrigiere in "Ich bin zu doof dafür". :-) Ich habs vorhin nochmal probiert, aber es bleibt unpraktisch: Da ich als Rechtshänderin die Zitrone rechts halte, der Schalter aber rechts von der Presse ist, muss ich entweder mit der linken Hand über Kreuz zum Schalter greifen, oder erst einschalten und dann die Zitrone auf den rotierenden Kegel pressen, womit das Unheil seinen Lauf nimmt ... Ich glaub, ich bin nicht geschaffen für elektrische Zitruspressen. :-)

@Bolli - So eine Gläserne hatt ich auch mal, die war fein. Bis ihr die Kombination aus zittriger Hand und (damals) Granitfußboden zum Verhängnis wurde. :-)

@Kulinaria - Wenn ich mich schon an einer einfachen elektrischen Presse verletze, würde ich mit der Gabelmethode wohl zur Stammkundin beim Notarzt. :-)

Barbara meint:

Unsere zwei Zitruspressen sind hier. :-)

Balu meint:

@Hedonistin:
wie ich schon schrieb ist meine nur ein Aufsatz für die Küchenmaschine. Die stelle ich auf "langsam drehen" und muss dann nur noch die Frucht draufdrücken.

Ich habe auch schon elektrische gesehen, die dann anlaufen, wenn man eine Frucht draufpresst.

Allerdings denke ich, dass eine elektrische Presse, die nur diesem Zweck dient, im Schrank landet und dann dort stehen bleibt - ausser man benutzt sie jeden Tag.

Meine Küchenmaschine steht da sowieso rum, da ist das was anderes :)

zorra meint:

Bei mir ist es mittelalte Liebe: http://kochtopf.twoday.net/stories/4879065/

Anonym meint:

"tante wiki" würde sich sehr über ein schönes foto von der hamilton für den wikipedia-artikel zitronenpresse freuen...

liebe grüsse,
poupou

Schnuppschnuess meint:

Nö, meine Zitruspresse zeig ich Dir nicht. Sonst kaufst Du Dir auch so eine und dann landet die schöne, grandiose, wunderbare, gerade aus dem Dornröschenschlaf erwachte Hamilton Beach wieder in der Abstellkammer. Das hat sie nicht verdient - bitte Küche umbauen.

La cuisine des 3 soeurs meint:

An deiner Stelle würde ich die Hamilton sofort im Einsatz nehmen. Falls, ich es wage einen Post ganz auf deutsch zu schreiben, zeige ich Dir meine Zitruspresse.

Ralph meint:

Auch ich stelle mal meine Zitruspressen vor. Und die Hamilton Beach finde ich auch super, tolles Teil !

Klaus-Peter meint:

Die "Braun" läuft an, wenn Druck auf den Kegel kommt, hält an, wenn man aufhört, zu pressen, wechselt dann die Drehrichtung.
Auch, wenn man zu fest presst, hält sie und wechselt die Richtung. Der Behälter fasst einen halben Liter, dafür braucht es schon ein paar Orangen.

Petra aka Cascabel meint:

Ich hatte ja auch schon mal mit einer Hebelpresse geliebäugelt, dann aber letztendlich aus Platzgründen darauf verzichtet. Ein wunderschönes Teil! Hier meine Sammling an Zitruspressen

Anonym meint:

Meine Frau wünscht sich so ein Teil zum Geburtstag! Meine Frage: Ist die Saftausbeute gut?
Im Geschäft hat man mir von einer manuellen Saftpresse abgeraten - oder haben die alle keine Ahnung?!

Wäre dankbar für eine Antwort, damit ich mich gegebenefalls um dieses Teil kümmern kann.

Hedonistin meint:

@Anonym - Mit einer guten Hebelfruchtpresse quetscht man auch das allerletzte Tröpfchen Saft aus. Betonung liegt auf "gut" - es gibt da auch Modelle wie für Puppenstuben, weitgehend aus Plastik gefertigt: Die sind nach der zweiten Zitrone ein Fall für die Mülltonne. Aber eine schwere metallene Hebelpresse wie die Hamilton oder die OrangeX, die Ralph zeigt - was Besseres gibts nicht.