Sonntag, 17. Februar 2008

So isst der Mensch oder Speiseplan für drei Tage


Wocheneinkauf, kleiner Teil "Wie viel gebt ihr in einer Woche für Lebensmittel aus und was kauft ihr da?", wollte Kochschlampe wissen, inspiriert von dem Bildband So isst der Mensch von Peter Menzel und Faith D'Aluisio.

Die gewünschte fotografische Dokumentation der Wocheneinkäufe erweist sich als schwierig: In der low budget-Küche geht der Mensch zu Fuß einkaufen und bringt immer nur Kleinmengen nach Hause, das aber täglich. Die Einkäufe einer ganzen Woche ließen sich nur im Zuge einer Null-Kalorien-Diät aufs Bild bannen, wozu aber niemand Lust verspürt. :-) Und leider denkt auch niemand dran, den Inhalt des Einkaufskorbs erstmal auf dem Tisch zu stapeln, statt ihn sofort (irgendwie und ohne System, aber das ist ein anderes Thema) in den Kühl- oder Vorratsschrank zu stopfen - oder gleich direkt in den Mund. Das Foto zeigt also nur einen kleinen Teil der dieswöchigen Einkäufe (an dieser Stelle ein Dankeschön an FoodFreak für den Tipp mit dem griechischen Joghurt). Btw, bei tierischen Produkten lege ich keinen Wert auf Bio-Qualität: Dieses Siegel sagt ja nur etwas über die Fütterung aus, nicht aber über die Haltungsbedingungen, die mir mehr am Herzen liegen. Eier von Hühnern aus Freilauf-, und Milchprodukte von (nicht enthornten) Kühen aus Laufstall- oder Weidehaltung: Dafür zahl ich gern ein bisschen mehr.

Womit wir beim Budget sind: Das Buch von Menzel/D'Aluisio nennt für die vorgestellte deutsche Familie wöchentliche Lebensmittelkosten von 375 Euro für vier Personen. Der deutsche Hartz-IV-Regelsatz gesteht für die Ernährung eines Erwachsenen ca 30 Euro pro Woche zu. In der low budget-Küche liegen die Lebensmittelausgaben - wenig überraschend :-) - näher am Hartz-VI-Niveau als an jenem der Bilderbuch-Familie.

Hartz IV bedeute Mangelernährung, wird kritisiert, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Wissend, dass Heranwachsende den Appetit von Scheunendreschern entwickeln können, stimme ich diesbezüglich zu. Bei Erwachsenen könnte eine ausgewogene und ausreichende Ernährung zum Regelsatz möglich sein. Theoretisch jedenfalls, unter Idealbedingungen, zu denen nebst solidem ernährungstheoretischem Grundwissen und der Bereitschaft zu überwiegend vegetarischer Kost (Fleisch/Fisch in annehmbarer Qualität ist kaum drin) auch u.a. Zeit&Lust zu kreativem Kochen und/oder eine umfangreiche Rezeptdatenbank gehören: Denn Einkaufen zum Supermarktpreis sprengt das knappe Hartz-IV-Budget, ohne Jagd auf Sonderangebote geht gar nix. Diese vernünftig in den Speiseplan einzubauen erfordert aber Phantasie und mehr als nur minimale Kochkenntnisse. Aber an die Sonderangebote muss mensch erstmal kommen. Wer zu diesem Behufe weitere Wege zurücklegen muss, stößt schnell an Grenzen: Der Hartz-IV-Satz für Mobilität deckt nicht die durchschnittlichen Kosten einer Monatskarte für Bus&Bahn. Die Differenz zu den realen Kosten - das gilt btw für alle Regelsatz-Kategorien, weil sich deren Höhe nicht an einem existenziellen Grundbedarf orientiert, sondern an den Durchschnittsausgaben von BezieherInnen niedrigster Einkommen - muss also irgendwo eingespart werden: Die Lebensmittelausgaben als wenigstens halbwegs flexibler Posten bieten sich dafür an. Und schon ists Essig mit ausgewogener Ernährung. Dann gehts nur noch ums Sattwerden, irgendwie.

Der Berliner Finanzsenator sieht das anders: "Man kann sich auch von einem Transfereinkommen ausgewogen und gesund ernähren. Das hat die Finanzverwaltung mit aktuellen Preisen empirisch belegt."

Dass es sowieso der blanke Hohn ist, wenn jemand aus Sarrazins Einkommensklasse den Armutschkerln der Gesellschaft vorzurechnen beliebt, welch feines Leben sie sich doch mit ihren paar Groschen machen könnten, wenn sie nur mal positiv dächten, statt immer nur mehr und noch mehr zu wollen, hat Kulinaria Katastrophalia heute schon ausgeführt. Und unter Zugrundelegung des finanzsenatlichen Speiseplans darf auch mit Fug und Recht bezweifelt werden, dass gesunde und ausreichende Ernährung zum Hartz-IV-Satz überhaupt möglich ist:

Denn wenn selbst mit den geballten Ressourcen der Berliner Finanzverwaltung und ohne jeglichen Zeitdruck, also unter Optimalbedingungen, ein Speiseplan entsteht, der bloß mit Tricks unter dem finanziellen Limit bleibt - wie sollen Otto & Ottilie Normal-Hartz-IV-Bezieher unter Normalbedingungen das schaffen?

Der Plan, ausdrücklich für allein lebende Hartz-IV-Bezieher angelegt, rechnet günstige Großpackungen auf Einzelportionen runter und schert sich nicht darum, was mit den Resten passiert: Wer sich daran hielte, dürfte an Tag 4 die inzwischen verschrumpelte zweite Hälfte der Gurke von Tag 1 knabbern, und würde erst an Tag 18 die letzte Bratwurst aus der 6-Stück-Packung vom Diskonter verzehren (und in der Folge vermutlich dem Gesundheitssystem Kosten verursachen). Denn dass bei Aldi&Co KundInnen, die 80 g Suppenfleisch verlangen, was gehustet werden würde, darf als sicher gelten. Und zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vermutet werden darf, dass Bratwurst und Leberkäse ebenso wie industriell gefertigter Kartoffel- und Krautsalat oder Kartoffelbrei aus der Tüte nicht eben der Inbegriff ausgewogener und gesunder Ernährung sind.

Also nur mit Rechentricks innerhalb des Regelsatzes, nur bedingt ausgewogen und gesund - macht Essen à la Sarrazin dann wenigstens satt? Anhand einer einfachen Kalorientabelle überschlagen, ergeben sich so an die 2000 Kalorien täglich. Das deckt den Energiebedarf eines durchschnittlich großen und schweren Mannes, der seine Tage am Sofa verbringt. Wenn dieser Mann aber regelmäßig seinen Körper stählt, z.B. beim täglichen Joggen von Diskonter zu Diskonter, verbunden mit leichtem Gewichtheben (80 Gramm Suppenfleisch, 1/2 Kohlrabi): Dann verbraucht er mehr Energie, als der finanzsenatliche Speiseplan ihm zugesteht. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er nicht nur keine Energie mehr hat - auch keine, um die Verantwortlichen mit dem volksmundig bildlichen nassen Fetzen aus dem Amt zu jagen -, sondern auch keine mehr braucht. Von höherer Warte aus betrachtet vielleicht gar kein uninteressanter Effekt: Ein verhungerter Hartz-IV-Bezieher ist kein Hartz-IV-Bezieher mehr. Dafür dürfte dann sogar das Armenbegräbnis etwas großzügiger ausfallen - mit Dank für Verdienste um den Stadtsäckel.


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7 Kommentar(e):

kulinaria katastrophalia meint:

Das perfide an der Berechnung ist auch noch, dass das Dumpingpreisniveau von Lidl und Co, die jetzt schon bspw. Milch unter dem Produktionspreis verkaufen,als Standard gesetzt wird, der noch weiter unterboten werden wird im Kampf um die beste Marktposition.
Die Folge werden schlechtere Arbeits- und Umweltbedingungen sein, Einsparungen wo es nur geht bei den anderen Anbietern, um da mithalten zu können - und am Ende wird der dann noch niedrigere Preis auch noch angeführt für noch niedrigere HartzIV-Sätze. Und am Ende werden dann wieder mal Umweltskandale und miese Arbeitsbedingungen zu beobachten sein, die hausgemacht sind.

Barbara meint:

Gut in diese Diskussion passen noch die Studienergebnisse, dass ärmere Bevölkerungsschichten (in den USA schon länger, jetzt auch hier) deutlich fettleibiger sind als die anderen (das Thema war vorletzte Woche in den Medien).

Ich kenne Fälle, in denen das HartzIV-Geld für massenweise Junk Food reicht, dabei wäre in diesen Haushalten eigentlich (da kein Job) Zeit vorhanden, sich mit gesunder Ernährung und Nahrungszubereitung zu beschäftigen.

kochschlampe meint:

2000 Kalorien sind ein völlig normaler Tagesbedarf, da ist sogar ein wenig Sport schon mit dabei. Joggen verbraucht eher wenig Kalorien - eine halbe Stunde joggen sind nur so 250 Kalorien. Das ist also durchaus mit drin, wenn man sonst nicht so viel zu tun hat.
Allerdings gehe ich davon aus, das ein normaler Mensch weiß, was eine gesunde Ernährung ist und wie man die zusammenstellen kann. Und ich gehe davon aus, dass ein Hartz-IV-Empfänger die Zeit hat, einiges selber herzustellen, wozu die arbeitende Bevölkerung nicht so gut kommt. Und natürlich sollte eine gute Vorratshaltung selbstverständlich sein. Dann kann man mit den 30 Euro pro Einzelhaushalt pro Woche hinkommen, nicht schön, kein Luxus, aber es geht durchaus. Und zumindest in Berlin gibt es (wieder) ein Sozialticket, mit dem man mit den öffentlichen dann auch die Möglichkeit hat, auf Sonderangebote Jagd zu machen.

kulinaria katastrophalia meint:

Davon auszugehen, dass die Leute schon wissen was gesund sei, ist schon gewagt. Aber ungeachtet dessen folgt daraus ja auch nicht, dass gesunde Kost auch gekocht wird zumal die Geschmäcker ja auch unterschiedlich sind. Aber mit 30 Euro hinzukommen? wie soll das gehen? das wäre allenfalls möglich, wenn minderwertige Ware in Anspruch genommen wird oder einfach die eine Scheibe Brot am Morgen als ausreichend erachtet wird. Es mag auch Leute geben, die mit einem Glas Wasser auskommen, uns reicht das Gebotene mit Garantie nicht.

Es gehört auch zur Menschenwürde selbst die Entscheidungen zu treffen wie und welche Nahrung verkonsumiert wird. Statt den Menschen Vorschriften zu machen wie sie Sonderangebote ergattern können oder wie sie ihre Zeit ausnutzen sollen, sollte den Menschen die Möglichkeit geboten werden vernünftige Arbeit zu vernünftigem Lohn zu erhalten. Und genau darin liegt ja das eigentliche Problem.
So unglücklich sind die Herrschaften über das Heer der Arbeitslosen nämlich gar nicht - damit kann die Lohndrückerei nämlich hervorragend unterstützt werden. In Berlin setzt selbst der Senat auf Billiglohnkräfte, um ja keine Tariflöhne zahlen zu müssen.

Balu meint:

Hier hat jemand versucht, sich nach dem Tagessatz zu ernähren.

Am dritten Tag hat er aufgegeben:

http://www.mark.linkeblogs.de/tag/sarrazin-experiment/

Hedonistin meint:

Bei entsprechenden Rahmenbedingungen ist es sicher möglich, sich von 30 Euro in der Woche ausreichend und sogar ausgewogen zu ernähren – aber mit Sarrazins Hungerplan ist dieses Ziel gewiss nicht zu erreichen. Mit Müh und Not und Rechentricks im finanziellen Rahmen, mit Müh und Not nicht ganz ungesund und eintönig, mit Müh und Not im Schnitt 2000 Kalorien täglich - das ist btw jene Menge, die in Zeiten der Lebensmittelrationierung am Ende von WK2 einem Erwachsenen zugestanden wurde. Für Schwangere oder Stillende gabs mehr, ebenso für Jugendliche, für Schwerarbeiter sowieso. Diese Zeit ist als Zeit der Not in Erinnerung …

Der Sarrazinplan ist finanziell an der obersten H4-Grenze, erlaubt also keine Kaloriensteigerung bei Mehrbedarf. Einen solchen haben z.B. Teens, die aber von vornherein mit 80% des Regelsatzes im wahrsten Wortsinn abgespeist werden – das ist weniger, als Sarrazin pro Tag fürs Essen veranschlagt. MaW: Heranwachsende, die nach Sarrazinplan verköstigt würden, hätten eine hohe Wahrscheinlichkeit, hungern zu müssen. Da ist Junkfood, oder sagen wir: viel billiges Fett minderer Qualität, viel Zucker etc tatsächlich eine Lösung, weils vergleichsweise preiswert satt macht.

Und wir gehen da immer noch von vollem H4-Bezug aus. Der ist aber nicht gegeben, wenn die Jobcenter strafweise kürzen – bis zu 30% sind üblich, und keineswegs nur als Sanktion für „Arbeitsunwilligkeit“ – da reichen u.U. schon versäumte Termine beim Amt (wie knapp solche oft bekannt gegeben werden, lässt sich in einschlägigen Foren nachlesen). Allein in Berlin treffen diese Sanktionen schon 11.000 H4-Bezieher, Tendenz steigend ... Wer nicht spurt, soll hungern?

Anonym meint:

auf der suche nach kohlrabirezepten bei deinem beitrag gelandet, und muss sagen: traurig und wahr und pointiert formuliert!