Montag, 10. August 2009

Adler im Supermarkt


Lebensmitteldeklaration

Ich gestehe: Analogkäse ärgert mich nicht nicht, von lebensmittelindustriell gebastelten Garnelen fühl ich mich nicht betrogen, und ich reg mich auch nicht über großzügige Verwendung von E0815 in Fertigfutter auf - solange die Hersteller mich darüber informieren. Erstens. Und solange sie das zweitens in einer Weise tun, die es mir möglich macht, diese Informationen auch wahrzunehmen.

An Zweiterem haperts aber. Nicht nur gelegentlich, sondern fast schon als Regelfall. Dass ich kaum Fertig- und Halbfertigprodukte verwende, liegt nicht daran, dass ich eine extreme Frischefanatikerin wäre. Sondern daran, dass ich immer öfter immer mehr Mühe habe, die Zutatenlisten zu entziffern.

Falls es mir überhaupt gelingt: Bei den abgebildeten Asia-Instantnudeln wüsste ich ohne meine brave Digicam und ihren Makromodus immer noch nicht, was drinsteckt. Glänzende dunkle Folienverpackung, winzigste helle Schrift, die Hälfte des Texts auf dem mehrfach verschweißten und dadurch gerippten Packungsverschluss befindlich, außerdem durch die Form des Inhalts "um die Ecke" gehend, dazu die kunstbeleuchtete Supermarktumgebung: Das ist nicht lesbar. Da hilft auch die mitgeführte Lesebrille nicht.

Das Beispiel ist nur insofern untypisch, als Instantnudeln mit Garnelengeschmack normalerweise nicht auf meinem Speiseplan stehen und nur nostalgische frühe WG-Erinnerungen mich neugierig hingreifen ließen. :-) Typisch ist aber die Art der Deklaration: so gesetzeskonform wie unlesbar.

Vermuten die Hersteller, dass die Konsumentinnen schockiert auf den Kauf verzichten würden, wenn sie lesen könnten, woraus das ins Auge gefasste Produkt besteht? Bei mir zumindest wirkt diese Strategie nicht: Ich legs ins Regal zurück, wenn ich die Zutatenliste nicht entziffern kann.

Insofern gehen manche Lösungsvorschläge in der aktuellen Diskussion um Fake-Lebensmittel für mich am Kern des Problems vorbei: Noch ein neues Logo? Finden sich auf den Packungen nicht schon genug Gütesiegel, Nährwertampeln etc, die den p.t. Konsumentinnen das Denken abgewöhnen die Kaufentscheidung erleichtern sollen? Aber die Konsumentinnen sind mehrheitlich nicht blöd. Sie sind bloß keine Adler. Jede zusätzliche Information, die noch auf den Lebensmittelverpackungen untergebracht werden muss, braucht Platz. Und wo würde der wohl eingespart werden? Genau: Die Zutatenlisten würden noch winziger ausfallen und vermutlich nur noch mittels Mikroskop lesbar sein.

Dabei könnte es so einfach sein. Der Gesetzgeber müsste seiner Regulierungswut nur mal auf vernünftige Weise nachgeben. Und eine Vorschrift zur Lebensmitteldeklaration erlassen, die besagt: Zutatenlisten müssen in mindestens 12-Punkt-Schriftgröße auf nicht spiegelndem Untergrund mit augenfreundlichem Kontrast gedruckt werden.

Aber vermutlich wäre das zu einfach.


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7 Kommentar(e):

ostwestwind meint:

Genau, das wäre zu einfach und ich höre den Aufschrei, wie soll ich das alles auf meine Mini-Packung kriegen?

Für mich ganz einfach: Ich lasse mir das vom Verkäufer vorlesen, ist wirklich toll wie Frau da angestarrt wird. Dann weiß ich manchmal 'was drin ist und kaufe das ... trotzdem nicht ;-). Hilft zwar nicht viel, gibt aber den Protestkick


Ulrike @ Küchenlatein

Anonym meint:

Das mit dem Protest-Kick kenne ich, das mache ich gerne bei Verkostungsständen im Supermarkt. Wenn ich da angesprochen werde, lese ich immer erst die Zutatenliste auf der Verpackung. Und dann äußere ich laut und deutlich meinen Unmut, dass ich solch ein Produkt mit diesen Zutaten aus dem Chemiebaukasten nicht verkosten werde.

Hedonistin meint:

Der ultimative Protestkick wäre dann ja, sich die Zutatenliste am Probierstand vorlesen zu lassen. Vielleicht ein "Etwas lauter und deutlicher bitte, ich bin schwerhörig" angefügt, damit die anderen KundInnen auch was davon haben ... :-)

Sivie meint:

Also halbblind und schwerhörig und dann noch meckern, das geht ja gar nicht. Macht aber bestimmt Spaß!

kochschlampe meint:

Ich fürchte ja, dass ich Sachen meist nicht kaufe, wenn ich die Zutaten nicht entziffern kann... ansosnten gilt die alte Regel: keine Lebensmittel kaufen, deren Zutaten man nicht auf Anhieb aussprechen kann.

;-)

kulinaria katastrophalia meint:

Für den kleinen Hunger gibt es auch nur kleine Vergiftungshinweise! ;-)

Hedonistin meint:

@Kulinaria - :-))))))))))))))))